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title: "Was KI zur rechtlichen Prüfung beitragen kann"
description: "KI kann helfen, mehr Material auszuwerten und zusätzliche Fragen zu prüfen. Ihr Nutzen hängt von nachvollziehbaren Quellen, überprüfter Leistung und einem Anwalt ab, der die Verantwortung für das Ergebnis übernimmt."
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author: "Jonas Hertner"
published: "2026-07-27"
modified: "2026-09-07"
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citation: "Jonas Hertner, “Was KI zur rechtlichen Prüfung beitragen kann” (version 2026-09-07), https://jonashertner.com/de/notes/ai-in-legal-work/."
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# Was KI zur rechtlichen Prüfung beitragen kann

27. Juli 2026 · Überarbeitet am 7. September 2026

> KI kann helfen, mehr Material auszuwerten und zusätzliche Fragen zu prüfen. Ihr Nutzen hängt von nachvollziehbaren Quellen, überprüfter Leistung und einem Anwalt ab, der die Verantwortung für das Ergebnis übernimmt.

KI kann helfen, ein umfangreiches Dossier nochmals zu prüfen: eine Chronologie zu erstellen, Dokumente zu vergleichen oder Belege zu suchen, die eine bisherige Einschätzung infrage stellen. Diese Prüfung muss die Entscheidungsgrundlage so weit verbessern, dass sich die Kontrolle ihrer Ergebnisse lohnt.

Wenige entscheidende Textstellen können mehr wert sein als Hunderte plausibler Beobachtungen. Es gilt, die erheblichen Feststellungen zu erkennen, ihre Grundlage zu prüfen und einzuschätzen, was übersehen worden sein könnte.

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## Quellen und Feststellungen

Ein Sprachmodell kann ein Datum erfassen, damit rechnen oder daraus etwas ableiten. Diese Arbeitsschritte erfordern unterschiedliche Prüfungen. Eine verlässliche Darstellung unterscheidet, was in der Quelle steht, was berechnet wurde und welche Schlüsse der Anwalt zieht.

Ein hypothetisches Beispiel: Zu prüfen ist, ob eine Mitteilung rechtzeitig beim Empfänger einging. Ein Modell findet einen auf den 14. März datierten Brief, eine E-Mail vom 16. März mit diesem Brief im Anhang und eine spätere Antwort, die den Empfang bestätigt. Das Briefdatum belegt weder Versand noch Empfang. Der Wortlaut der Bestätigung und die anwendbare Rechtsregel bleiben zu prüfen.

Das Modell weist zudem auf eine andere Adresse in einem früheren Vertragsentwurf hin. Im unterzeichneten Vertrag und in der Mitteilung steht dieselbe Adresse; der scheinbare Widerspruch trägt zur Frage des Zeitpunkts nichts bei. Diese falsche Spur vom nützlichen Hinweis zu unterscheiden kostet Arbeit.

Ein Dokument ist nicht schon deshalb unerheblich, weil das System es so einstuft. Bereits die Suchfrage kann den entscheidenden Punkt ausgeklammert haben.

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## Mehr Material prüfen

KI kann mehr Dokumente anhand derselben Fragen prüfen und mögliche Feststellungen mit Textstellen verknüpfen. Die Dokumentation muss zeigen, was einbezogen oder ausgeschlossen wurde, wann das Material erhoben wurde und welche Dateien sich nicht verarbeiten liessen.

Auch wenn jede Datei verarbeitet wurde, ist damit nicht jeder erhebliche Punkt erfasst. Eine gescannte Seite kann falsch gelesen, eine Frage zu eng gestellt oder ein Widerspruch übersehen werden. Widersprüche zwischen Quellen müssen sichtbar bleiben. Lässt die Beweislage keine Klärung zu, muss die Beratung angeben, auf welche Darstellung sie sich stützt.

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## Wenn das Modell die Rechtslage liefern soll

Wird ein Modell ohne vorgegebene Rechtsquellen nach der Rechtslage gefragt, kann es richtige Aussagen mit veralteten, nicht einschlägigen oder erfundenen Belegen verbinden. Der Ton der Antwort erlaubt keine verlässliche Unterscheidung.

Ein Fehler kann ganz gewöhnlich wirken: eine plausible Fundstelle, eine vertraute Prüfungsvoraussetzung oder eine Aussage, die in einer anderen Rechtsordnung zutrifft. Er kann eine flüchtige Lektüre überstehen, weil er zur erwarteten Antwort passt.[^1]

Eine unbelegte Antwort kann einen Rechercheansatz liefern; die juristische Recherche bleibt zu leisten. Auch bei angegebenen Quellen ist zu prüfen, ob sie existieren, weiterhin einschlägig sind und die Aussage im Zusammenhang tragen.

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## Vor dem Einsatz

Festzulegen ist, was das System prüfen soll, welche Quellen es verwenden darf und was die Antwort enthalten muss. Jede wesentliche Tatsachen- oder Rechtsaussage muss mit ihren Quellen verknüpft sein. Die Kontrolle braucht eine Person mit der Zeit und dem Fachwissen, um unbelegte Aussagen zu prüfen.

Vertraulichkeit, Anwaltsgeheimnis, der Schutz anwaltlicher Kommunikation (legal privilege), Datenschutz und Informationssicherheit setzen der Systemwahl Grenzen.[^2] Bevor vertrauliches Material eingegeben wird, muss geklärt sein, wo es verarbeitet wird, wer darauf zugreifen kann und wie es gespeichert, weiterverwendet, übertragen, protokolliert und geschützt wird. Lokale Verarbeitung kann einzelne Risiken mindern. Zugriffskontrollen, Sicherungskopien und angebundene Dienste müssen dennoch geprüft werden. Namen zu entfernen reicht nicht aus, wenn die übrigen Angaben die betroffenen Personen erkennen lassen.

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## Das konkrete System prüfen

Zu prüfen ist das gesamte Verfahren, von der Suche und Texterfassung bis zur abschliessenden Beurteilung. Verglichen werden sollte es mit einem geeigneten bisherigen Vorgehen anhand derselben Frage und Quellen. Repräsentative Dokumente, unabhängig geprüfte Referenzantworten und schwierige Fälle müssen vor dem Test feststehen.

Die Prüfung muss mindestens erfassen:

- übersehenes relevantes Material;
- Aussagen ohne Stütze in den festgelegten Quellen;
- Quellenangaben, die nicht existieren oder die Aussage nicht tragen;
- Antworten ausserhalb der gestellten Frage oder der zulässigen Quellen;
- die Zeit bis zu einem verlässlichen Ergebnis, einschliesslich Korrekturen und der Prüfung falscher Spuren.

Könnten Änderungen an Modellen, Einstellungen oder angebundenen Quellen das Ergebnis beeinflussen, sind die Tests zu wiederholen. Im Einsatz entdeckte Fehler müssen untersucht werden. Erfolg bei einer Aufgabe belegt keine Verlässlichkeit bei einer anderen.

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## Verantwortung

Der Anwalt muss beurteilen, ob die Feststellungen die Beratung tragen, was an der Beratung etwas ändern könnte und ob weitere Arbeit nötig ist. Dazu gehört auch, eine Prüfung zu beenden: Weitere Auswertungen könnten den Entscheid kaum beeinflussen, oder ein anderer Weg der Beweisbeschaffung könnte nützlicher sein.

Die Klientschaft sollte eine durchdachte Antwort und die für ihren Entscheid wesentlichen Unsicherheiten erhalten. Die Dokumentation sollte einer anderen fachkundigen Person erlauben, die Begründung nachzuvollziehen und ihre wesentlichen Schlussfolgerungen zu hinterfragen, ohne dass die Klientschaft die Arbeit des Anwalts wiederholen muss.

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## Fussnoten

[^1]: [NIST AI 600-1, Artificial Intelligence Risk Management Framework: Generative Artificial Intelligence Profile](https://doi.org/10.6028/NIST.AI.600-1), Abschnitt 2.2 und Massnahmen MP-2.1-002, MP-2.3-001 und MS-2.5-003. NIST beschreibt überzeugend präsentierte Falschaussagen, einschliesslich erfundener Begründungen und Quellenangaben. Empfohlen werden Tests der Datenverarbeitung, der Vergleich mit gesicherten Referenzergebnissen und die Überprüfung von Quellen und Quellenangaben.
[^2]: [Art. 13 des Bundesgesetzes über die Freizügigkeit der Anwältinnen und Anwälte](https://www.fedlex.admin.ch/eli/cc/2002/153/de#art_13) regelt das Berufsgeheimnis. Der [Eidgenössische Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragte](https://www.edoeb.admin.ch/de/ki-und-datenschutz) hält fest, dass das Datenschutzgesetz unmittelbar auf KI-gestützte Datenbearbeitungen anwendbar ist und Transparenz über Zweck, Funktionsweise und verwendete Datenquellen verlangt.
